Musik  mit Fernwehgarantie

                   Balladeire  auf dem  Schiffenberg 


Auch nach über zwei Stunden wollte das Publikum am Freitagabend Balladeire nicht von der Bühne lassen. Doch nach drei Zugaben war die Bühnenzeit restlos aufgebraucht. Irgendwie hatte jeder das Gefühl, es gäbe etwas nachzuholen: Denn vor zwei Jahren hatte noch Regen das Konzert der Gießener Band getrübt. Diesmal hatte der Wettergott jedoch seine schützende Hand über ihren Aufritt im Rahmen des >Musikalischen Sommers< gelegt. Neben den Balladeire-Klassikern >Here comes the rain again< von Eurythmics und >Enjoy the silence" von Depeche Mode präsentierte die Formation aktuelle Charthits, wie etwa >Let her go< von Passenger oder "I follow rivers" von Lykke Li und Amy MacDonalds >Let's start a band". Eine Set-Liste in dieser Bandbreite muss ein Ensemble Balladeire erst einmal nachmachen. Geprägt ist ihr Repertoire von einer Offenheit gegenüber musikalischen Genres, die das Quartett mit Leidenschaft ins balladeiresche Klangsystem übersetzt. Trotz des musikstilistischen Reichtums wirkt die Auswahl dabei nie beliebig. Das liegt vor allem daran, dass die Coversongs mit viel Einfallsreichtum entstaubt werden. Ob Nenas "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann", "HaIlelujah" des kanadischen Singer-Songwriters Leonard Cohen oder Rammsteins >Seemann< - mit selbstsicherer Intuition gelingt es den Musikern, bekannten Melodien ihren eigenen Schliff zu geben. Neben folkloristischen europäischen und außereuropäischen Einflüssen bleibt die Band dabei offen für jazzorientierte Klangfarben. Das Erlebnis ist ein Prograirm, das von tanzbarem südafrikanischem >Kwela<. sinnlich nachdenklichem portugiesischem Fado, über Singer-Songwriter-Balladen bis hin zu temperamentvollem Irish-Folk reicht. Dass ihre Live-Musik viel Kraft versprüht, liegt an den drei hochengagierten lnstrumentalisten. H. O. Moritz an der Gitarre bereitete den akustischen Untergrund, auf dem sich die Sopranstimme von Christine Burock warm und leichtfüßig in jede Höhe bewegte. ohne an Spannung zu verlieren. Obwohl das Konzert-programm der Sängerin einiges abverlangte, setzte sie auf dem Schiffenberg mit ihrer Phrasierung treffsichere Akzente. Corin Hild wechselte während des Konzerts zwischen Akkordeon, Blockflöte und Geige und konnte das Programm um ungewöhnliche Klangspektren erweitern. Für rhythmische Üiberraschungen sorgte mit allerlei Schlagwerk Markus Reich. Der Percussionist hatte neben einem brasilianischen Berimbau auch ein schweizerisches Hang im Gepäck Das Ergebnis: Gefühlsintensive Musik mit Fernwehgarantie.

Marko Karo / Gießener Allgemeine, August 2013


Konzert mit Traumcharakter

Hörenswerter Geheimtipp: Ensemble „Balladeire“ lässt Klänge wachsen

Vielleicht „erdbeersonntagsgeschädigt“ wegen des miesen Wetters, vielleicht aber auch einfach noch zu ungeläufig: „Balladeire“ bleiben ein Geheimtipp. Nur wenige Besucher verirrten sich am vergangenen Sonntag in die Langenselbolder Evangelische Kirche am Klosterberg. um einer Band zu lauschen, deren Musik wenig von Mainstream, dafür aber Klangvariationen der Extraklasse bietet. Und einer Stimme, die zum Besten gehört, was in Folk, Ethno oder Celtic zu hören ist: der von Christine Burock.

„Bal1adeire“: Der Name bildet eine Hommage an gleich zwei Universen. An das der Ballade als ausdrucksstarkem Gesang zu Themen der Welt, und jenes der weiten, grünen Insel im Südwesten Großbritanniens: Irland, oder Eire, wie das Eiland in der gälischen Landessprache heißt. Direkt vom Hessentag in Wetzlar kam die Gruppe am Sonntag, hatte dort vor einem weitaus größeren Publikum begeistert. Doch auch die Selbolder schlossen sie spontan in ihre Herzen, spätestens nach dem zweiten Lied. Denn ganz schnell wurde klar, dass hier keinesfalls exaltierte Anhänger irgendwelcher Folkloresparten esoterischen Budenzauber abziehen - und auch keinen platten, klassischen Irish Folk.

Professionelle Musik, leidenschaftlich, aber mit dem berühmten “Understatement“ vorgetragen und tonale wie rhythmische Grenzen verschwimmen lassend, überzeugte die Zuhörer in der Kirche binnen Minuten, ließ sie zu einer Zuhörergemeinschaft werden, ließ sie frenetisch Applaus spenden. Es gibt eine Musik, wenn ich sie höre, erhebt sich ein neuer Rhythmus in meinem verschlossenen Inneren. Wenn ich sie höre, bin ich die, die ich wäre, wenn ich die sein könnte, die ich gerne sein möchte.“ Ein Satz des portugiesischen Dichters des frühen 20. Jahrhunderts, Fernando Pessoa, der die Homepage von „Balladeire“ überschreibt. Und der so passend auch für die Melodieführungen, Geräuschkulissen und instrumentalen Variationen der Band steht; nicht zuletzt für die Stimme, die im Vordergrund schwebt.

Christine Burock hat eine Ausbildung als Musicalsängerin an der Stage School Hamburg absolviert, einer der ältesten und größten privaten Schulen für Performing Arts in Deutschland. Doch mit ihrem eigentlichen Inspirator, dem Gießener Englischlehrer HO. Moritz (er will es so, sein Vorname ist sein Künstlername), steht sie auf der Bühne. Ebenso wie Violinistin und Multimusikerin Corin Hild; auch sie hat, wie Burock, vor vielen Jahren bei Moritz Englisch gepaukt. Heute bereichert sie den Klang der Gruppe mit Elementen, die irgendwo zwischen Klezmer, irischem Hochgeschwindigkeitsfideln der Marke „Jigs & Reels“ (auch diese beherrscht sie atemberaubend) und klassischer Geige angesiedelt sind. Ungemein ausdrucksstark und eigenwillig. Die Liebe zur Folk Music und zur grünen Insel verband alle drei, seit über 15 Jahren musizieren sie zusammen. Moritz liefert das musikalische Gerüst auf der Akustikgitarre, die er perfekt zupft, strummt oder schlägt.

Burocks feiner Sopran, der mal glasklar, mal verhalten rauchig portugiesische, irische, orientalische oder auch ganz klassisch „poppige“ Lieder intoniert, verhaftet den Zuhörer geradezu. Es fordert den ganzen Willen, sich nicht von dieser schmeichelnden, verzehrenden, betörenden und unglaublich eindringlichen Stimme verzaubern zu lassen.

Ganz ohne Allüren, ohne Gestik oder überzogene Mimik. Selbst wenn sie sich an Stücke des „Altmeisters“ Leonhard Cohen wagt, vermisst man nicht den ruhigen, beschwörenden Bass. Im Gegenteil: „Famous Blue Raincoat“ etwa wird zu einem ganz neuen Erlebnis, wenn sie als Frau das melancholische Lied singt. Melancholisch: Das Attribut überträgt sie ebenfalls auf „Fado“, jene portugiesischen Weisen der meist unglücklich verlaufenden Liebe. Anrührend. Und “Here Comes the Rain Again” klingt nicht nur von den „Eurhythmics“ gut; auch eine ganz langsame, sphärische Version der Gießener Sängerin geht unter die Haut. Auf einem Kreuzfahrtschiff habe sie auch schon des Öfteren gesungen, erzählt Burock. Sie wirkt dabei bescheiden, und obwohl man dort sicher mehr Geld verdienen kann mit Musicals als mit authentischer Musik abseits des Mainstreams des 21. Jahrhunderts, bleibt sie „Balladeire“ treu.

Denn hier findet eine eigene Klangkulisse statt; nicht zuletzt auch wegen eines Perkussionisten, der seinen Namen als Musiker verdient: Markus Reich. Auch er ist Lehrer, wie Moritz, betreibt in Pohlheim eine Musikschule, liebt Afrika. Er lehrt die musikalische Sprache des Rhythmus.

Reich zaubert Klangstrukturen aus trommelartigen Instrumenten. Nicht einfach nur aus Congas, Djemben oder Bongos.

Auch aus „Ocean Drums“, aus schweizerischen „Hangs“ oder „einfach nur“ Synthesizern. Wobei die melodische Fülle gerade des „Hangs“ immer wieder verblüfft. Er webt damit einen rhythmischen Klangteppich, der erst den Sound von „Balladeire“ zu dem werden lässt, was er ist: einzigartig. Liebhaber esoterischer Spektakels à la „Vollenweider & Co“ kommen ebenso auf ihre Kosten wie Freunde eines neuen Begriffs von Ethno-Music, von Weltmusik, von Kombinationen des musikalischen Temperaments vieler Kulturen. Und natürlich: alle Anhänger eines qualitativ hochwertigen Folk.

Also: „Balladeire“ bleiben ein „Geheimtipp“. Denen man wünscht, dass der Name bald als Etikett stehen möge für außergewöhnliche, professionelle und klanglich beeindruckende Vielfalt, für die man nicht „Fan“ werden muss, sondern sich einfach nur entspannen sollte. Und gut zuhören. Rainer Habermann (HA/ upn)